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SchönerHeit - Das Hohelied der Liebe in Bildern

von Julia Krahn

SchönerHeit entstand 2013 auf Kommission der Anna von Borries Stiftung.  

Die international renommierte Künstlerin Julia Krahn wurde eingeladen, die Bewohnerinnen und Bewohner des Annastifts in Fotografie darzustellen. 

Nach ersten Gesprächen mit der Künstlerin, in deren Werk die Auseinandersetzung mit sozi-alen Werten, deren gesellschaftlicher Wandel und auch das Thema Religion eine wesentliche Rolle spielen, entstand ein Projekt, das von Anfang an auf eine intensive Kooperation von Künstlerin und darstellenden Personen zielte. 

In dem Projekt geht es darum, die Schönheit von Menschen mit Behinderung durch die künstlerische Wahrnehmung von Julia Krahn darzustellen und das übliche Schönheitsideal zu hinterfragen. Das Hohelied Salomos, seine Liebeslieder mit ihrem Reichtum an Bildern und Assoziationen zum Thema Liebe und Schönheit wurde zu Inspiration und Leitfaden, zugleich aber auch Mittel zum Ausdruck der Träume und Sehnsüchte der Porträtierten. In dem gemeinsamen Entstehungsprozess der Werke sind sie weniger Objekte der Fotografie, als Protagonisten ihres Selbst-Bildes. 

Die intensive gemeinsame Arbeit, die wechselseitige intensive Wahrnehmung und Selbst-wahrnehmung von Künstlerin, Darstellenden und Assistierenden war Teil des kreativen Pro-zesses in der Entstehung dieser Kunstwerke und lässt ihre Authentizität in jedem Bild neu zum Ausdruck kommen.


Informationen und Stimmen zu "SchönerHeit"

Über die Künstlerin Julia Krahn

Julia Krahn wurde in Jülich geboren und wächst in Aachen auf. Sie bricht 2001 ihr Medizinstudium in Freiburg ab und zieht nach Mailand, um sich ganz der Kunst zu widmen. Heute arbeitet sie mit diversen Galerien international zusammen. Ihre Werke sind weltweit in Museen und Galerien zu sehen. Sie wurde mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. Zuletzt wurde sie von Landesmuseum Hannover und Lentos Kunstmuseum Linz eingeladen. In 2015 eröffnete sie unter anderem ihre Einzelausstellung It might have been a Pigeon im Diözesanmuseum Mailand, zu deren Anlass die Publikation Julia Krahn - The Last Supper veröffentlicht wurde.

Ralf Meister, Landesbischof der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, über "SchönerHeit"

Schönheitsideale wechseln schnell und sind kulturell verschieden. Was an den Adels-Höfen im 18. Jahrhundert als schön galt, die Männerstrumpfhosen und gepuderten Perücken, er-scheint heute eher amüsant. Schneller als die Jahreszeiten wechseln die Moden, Anschauungen und Stile und damit auch das Schönheitsideal. Doch lässt sich die Welt in ihrer Schönheit auch mit einem anderen „Ansehen“ beschreiben? Dazu will ich zwei Blickwechsel vorschlagen. Der erste Blick: Julia Krahn hat in Hannover in einer Kirche Fotos gemacht. Fotos mit Menschen, die verschiedene Behinderungen haben und in Hannover im Annastift leben. Die Fotomodelle waren einverstanden und hatten großen Spaß bei den Fotoshootings. Es sind wunderschöne Bilder entstanden.

Diesem Fotoshooting lag ein biblischer Text zugrunde: Das Hohelied Salomos. Die Künstlerin hatte die Menschen, mit ihrem Einverständnis, entsprechend gekleidet und Betreuer halfen ihnen, die richtigen Positionen einzunehmen. So wurden sie ins Bild gesetzt, so wie es das Liebeslied des Alten Testaments in seinen Versen besingt. „Siehe meine Freundin, du bist schön; schön bist du, deine Augen sind wie Taubenaugen. Siehe mein Freund, schön bist du und lieblich, Unser Lager ist grün.“ (Hohelied 1,15-16). Dabei hat nicht die Bekleidung, auch nicht die Kosmetik oder die Ausstattung die Personen vor der Kamera verwandelt. Die Bilder sind so wirkungsvoll, weil man eine Schönheit entdeckt, die tiefer geht als die ebenmäßigen Gesichtsproportionen: Schönerheit. In diesen Bildern ist etwas kenntlich, was sich in der Erfahrung von Schönheit durch Jahrhunderte verschoben hat. Heute entsteht Schönheit im liebenden Blick, in der Betrachtung außerordentlicher Architektur, in der Wahrnehmung einzigartiger Landschaften. Doch es gab einmal eine andere Einsicht in die Wahrheit des Schönen. Diese Wahrheit bestand nicht in einem individuellen Blick, wie beim Betrachten von Kunstwerken oder einem geliebten Menschen, sondern sie war so etwas wie ein grund-sätzlicher Maßstab. Der Mittelalterliche Theologe Thomas von Aquin hat im 13. Jahrhundert diese Betrachtung beschrieben. All das Wahre, Gute, Schöne in unserer Welt kann nur be-stehen, wenn es von einem Guten, Wahren und Schönen verursacht ist. Und dieser erste war und ist Gott selbst. In der Weisheit Salomos im Alten Testament heißt es bei der Be-trachtung der Werke Gottes:

Wenn aber Menschen sich an ihrer Schönheit freuten und sie darum für Götter hielten, hätten sie wissen sollen, um wie viel herrlicher der ist, der über das alles der Herr ist. Denn der aller Schönheit Meister ist, hat das alles geschaffen. [13:3] 

Die Bilder von Julia Krahn eröffnen nicht nur einen neuen, verwandelten Blick auf Menschen, sondern sie erinnern an eine Schönheit, die allen Blicken voraus geht und ihren Grund in Gott hat.

"Sich der Welt zeigen können" - Ulrich Spielmann, Geschäftsführer der DIAKOVERE Annastift Leben und Lernen gGmbH

Wie viele andere gehandicapte Menschen müssen auch Nicola S. und Sabrina S. immer wieder um ihre gesellschaftliche Anerkennung kämpfen, weil sie außerhalb ihres unmittelbaren Umfelds fast ausschließlich als „Menschen mit Behinderungen“ wahrgenommen werden.

Trotz vielfältiger gesellschaftspolitischer Initiativen fühlen sich Menschen mit Behinderungen, insbesondere jene mit erkennbarem, erheblichem Unterstützungsbedarf, allzu häufig reduziert auf das Merkmal „behindert sein“. Menschen mit Behinderungen werden sozial-rechtlich tatsächlich so genannten „Hilfebedarfsgruppen“ zugeordnet. Das Merkmal „behindert“ zu sein, prägt weitgehend ihre Wahrnehmung in der Gesellschaft. In dieser Rolle sind sie dann nicht selten Objekte „fürsorglicher Belagerung“.

Jeder Mensch möchte so, wie er ist, wahrgenommen werden – als Persönlichkeit, als Individuum, Nicola S. als Nicola S. und Sabrina S. als Sabrina S.  Und sicher nicht zuallererst als Mitglied einer „Hilfebedarfsgruppe“, nicht als „Rollstuhlfahrer“, nicht als „Brillenträger“, nicht als „spastisch gelähmter Mensch“.

Wahrgenommen werden heißt aber auch: sich zeigen können. Sich der Welt zeigen können. 

Julia Krahn hat in ihrem Fotoprojekt „Das Hohelied der Liebe“ bewusst Menschen mit Behinderungen als Darsteller gewählt. In einem kreativen Dialog zwischen der Künstlerin und den Darstellern entstanden fotografische Inszenierungen, die Themen aus dem Hohelied visualisieren. 

Die künstlerische Bedeutung der entstanden Fotografien steht außer Frage. Die Bilder sprechen für sich. Es gibt darüber hinaus aber auch eine weitere, eine bewusstseinsbildende Perspektive, unter der die entstandenen Fotografien bedeutsam sind: Die dargestellten Menschen hatten unbehindert die Möglichkeit, sich  – spielerisch - zu inszenieren. Die Fotografien zeigen uns die einzelnen Menschen, ohne sie jedoch zur Schau zu stellen. 

Die lesenswerten Interviews mit den Darstellern legen ein beredtes Zeugnis davon ab, wie positiv diese Erfahrungen „am Set“ für die Beteiligten waren. Ihnen allen war es wichtig, an diesem Projekt mitgewirkt zu haben und die Möglichkeit zu bekommen, sich der Kamera präsentieren zu können. Mit, aber nicht wegen der Behinderung  wahrgenommen zu werden. 

Sich als Individuum, sich der Welt zeigen zu können.

Website des Fotoprojektes 

www.schoenerheit.com

Wir danken der Hanns-Lilje-Stiftung für die Förderung dieses Projektes. 

 
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