Zum Weltkindertag: Kinder mit Behinderung

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Interview mit Stephanie Selke-Voigt, Stellvertretende Schulleiterin Mira Lobe Schule und Projektleiterin Kinderinsel

Wie würden Sie den aktuellen Stand der Inklusion von Kindern mit einer Behinderung in der Gesellschaft bewerten?

"Inklusion an sich wird von einer breiten Mehrheit der Bevölkerung als wichtiges Ziel unserer Gesellschaft anerkannt. Die meisten wünschen sich, unabhängig von einer möglichen Inklusionserfahrung, dass Kinder mit oder ohne Beeinträchtigung gemeinsam aufwachsen sollten. Interessant wird es immer, wenn das Thema Bildung ins Spiel kommt. Hier macht sich oftmals Ablehnung breit, da viele Eltern von Kindern ohne Beeinträchtigung fürchten, ihre Kinder könnten in inklusiven Systemen nicht genug Lernen und würden in ihrer Leistung nur unzureichend gefördert werden. Viel Zustimmung findet dagegen die Ansicht, dass sich inklusive Settings positiv auf Toleranz, soziales Miteinander und die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern auswirken. In Bezug auf den aktuellen Stand der Inklusion entsteht dadurch immer wieder und immer noch ein „ja – aber“.

Für mich bedeutet dies alles, dass das Thema zwar im Alltag der Menschen angekommen ist, ihn aber noch nicht durchdrungen hat. Die derzeitige Elterngeneration von Schul- und Kindergartenkindern hat während der eigenen Ausbildungszeit noch keine Inklusionserfahrung gesammelt. Das merkt man deutlich, denn die Unsicherheiten und Berührungsängste sind groß. Inklusion ist noch nicht zur Selbstverständlichkeit geworden. Gerade in den letzten Jahren erhalten wir für den Förderschulzweig der Mira Lobe Schule wieder mehr Anmeldungen, da viele Eltern sich alleine gelassen und nicht gut beraten fühlen, wenn sie sich auf die Suche nach einer Regelschule für ihr Kind begeben."

Welches Potential in bestehenden Strukturen sehen Sie, das nicht oder nur eingeschränkt genutzt wird?

"Wenn man den Fachkräftemangel einmal außen vor lässt, dann fällt auf, dass in vielen Institutionen viele gut ausgebildete und sehr engagierte Menschen arbeiten, die Kinder und Jugendliche auf ihrem Bildungsweg und in ihrer Entwicklung begleiten. Oftmals werden sie aber vom System ausgebremst. Integrationshelfer*innen sind zum Beispiel in der Regel an ein Kind gebunden. Sie dürfen ihr Knowhow nicht in die Zusammenarbeit mit anderen Kindern einbringen. Nur wenige Schulen oder Kindergärten verfügen über ein Poolmodell, bei dem Assistenzleistungen nicht an Einzelpersonen gebunden sind. Dadurch bleibt viel Potential liegen. Wir brauchen flexible staatliche Finanzierungsmodelle.

Vieles, was organisatorisch vor Ort leicht umzusetzen wäre, scheitert an Formularen, Anträgen, Erlassen und Vorordnungen, die sich lediglich auf eine Person konzentrieren, im Alltag an den Einrichtungen aber nicht dienlich sind. Dazu kommt, dass Förderschullehrkräfte oftmals nicht zum Kollegium jener Schulen gehören, an denen sie in der Sonderpädagogischen Grundversorgung oder mit den sogenannten Rucksackstunden eingesetzt sind. Viele von ihnen fahren in der Woche mehrere Einrichtungen an, gehören nirgends richtig dazu und nehmen daher auch nicht am eigentlichen Schulalltag teil. Ich habe öffentliche Schulen in Bremen und Hamburg kennengelernt, die anders arbeiten. Hier sind die Sonderpädagog*innen Teil des Kollegiums. Gemeinsam mit den Regelschullehrkräften leiten sie Klassen, Fachgruppen und Konferenzen. Die Kinder unterscheiden nicht zwischen den Zuständigkeiten der Lehrerinnen und Lehrer. Alle sind füreinander da und auch Pädagogische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ergänzen die Teams und sind permanent vor Ort. Sie kümmern sich dabei nicht um ein oder zwei „spezielle“ Kinder, sondern agieren in und mit der gesamten Gruppe."

Wie greifen die Mira Lobe Schule und die Kinderinsel im Vitalquartier das Thema Inklusion von Kindern mit Behinderung auf?

"Bevor wir den inklusiven Grundschulzweig und den inklusiven Oberschulzweig gegründet haben, haben wir uns in der deutschen Schullandschaft umgeschaut und viel hospitiert. Wir haben uns das Poolmodell für Pädagogische Mitarbeitende in unterrichtsbegleitender Funktion und das Co-Teaching-System von Regel- und Förderschullehrkräften zum Vorbild genommen. Durch individualisierte, offene und projektorientierte Lernformen gelingt es gerade im Primarbereich des Grundschulzweigs gut, die unterschiedlichen Bedürfnisse und Lernniveaus miteinander zu vereinbaren. Im Sekundarbereich, also im Oberschulzweig mit besonderem inklusiven Angebot, müssen wir uns der Herausforderung stellen, dass wir trotz der Individualisierung die Berufsvorbereitung und realistische Schulabschlüsse nicht aus den Augen verlieren. Je älter die Schülerinnen und Schüler werden, desto bewusster werden ihnen auch die Unterschiede in ihrer Gruppe. Sie suchen sich bewusst ihre Peers aus und agieren immer eigenständiger. Hier möchten wir durch kontinuierliche Zusammenarbeit in den Klassen sowie die Durchführung sozialer Projekte daran arbeiten, auch weiterhin das Bewusstsein für Toleranz und soziales Miteinander zu stärken und zu erhalten. Eine enge Zusammenarbeit der multiprofessionellen Teams mit den Lerngruppen aus dem Förderschulbereich offeriert uns hier noch zusätzliche Möglichkeiten. Auch die Tatsache, dass wir eine gemeinsame Schüler- und Elternvertretung, Schulsozialarbeit und andere Hilfsangebote haben, können wir als großen Pluspunkt verbuchen. Wir möchten eine innovative Schule sein, in der die Verschiedenheit aller Kinder und Jugendlichen als Gewinn erlebt wird. Und wir möchten noch weiter zusammenwachsen.

In der Mira Lobe Kinderinsel, die vor nicht einmal zwei Monaten ihre Türen für Kinder im Krippen- und Kindergartenalter geöffnet hat, soll dieser Geist ebenfalls von Beginn an wehen. Mädchen und Jungen mit und ohne Beeinträchtigungen sowie mit den unterschiedlichsten sozialen Hintergründen können hier offene, tolerante und selbstverständliche Begegnungen mit- bzw. untereinander erfahren. Auch in der Kindertagesstätte kümmert sich ein multiprofessionelles Team gemeinsam um alle Kinder und schafft damit von Beginn an eine Basis, die den Wandel in unserer Gesellschaft weiter vorantreiben soll."

 
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