Das DIAKOVERE-Christkind wird ein Jahr alt

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Mutter Andrea H. mit Carla. Foto: Michael Wallmüller

Kuscheln, gemütliches Beisammensitzen, Plätzchen naschen und den Kerzenschein genießen – so stellen wir uns wohl alle unsere Adventszeit vor. Genau diese Zeit hat Dr. Andrea H. im vergangenen Jahr auf der Geburtsstation bei uns im DIAKOVERE Henriettenstift verbracht. Die 36-Jährige ist selbst Ärztin in einem Hannoveraner Klinikum und steht sonst auf der anderen Seite des Bettes. Keine leichte Zeit für die Internistin. Besonders weil ihre damals 3-jährige Tochter und ihr Mann zu Hause sitzen und schnell klar ist, dass sie auf Mama an Heiligabend verzichten müssen. Denn diese sorgt für ein ganz besonderes Geschenk an Weihnachten.

Unkomplizierte Schwangerschaften – nicht ihr Ding

Schon die erste Geburt von Andrea verlief nicht ohne Komplikationen. Umso mehr hätte sie sich wohl gefreut, wenn dieses Mal einfach alles gut gegangen wäre. Bis zur 25. Schwangerschaftswoche sieht auch alles danach aus, ihr geht es sogar so gut, dass sie kurz zuvor noch in die Berge fährt. Doch dann treten erste Komplikationen auf, sodass sie im Henriettenstift stationär aufgenommen werden muss. Diagnose: eine Plazentafehlbildung und vorzeitige Wehen. Sie bekommt eine medikamentöse Behandlung gegen die Wehen, die Sorge ist groß, dass die kleine Carla schon in der 25. Woche geholt werden muss. „Ich habe damals gesagt: Machen Sie alles mit mir, aber sehen Sie zu, dass das Kind da drin bleibt.“ Prof. Dr. Ralf Schild, Chefarzt für Geburtshilfe und Perinatalmedizin im DIAKOVERE Friederiken- und Henriettenstift, erklärt: „Es verlief ein Gefäß über den Muttermund, das ist sehr selten. Im schlimmsten Falle kann es zu direkten Blutungen aus diesem Gefäß kommen und ein Kind im Bauch hat nicht viel Blut, maximal 400-500 Milliliter, sodass schwere Folgeerscheinungen auftreten können. Wir haben hier bei 4000 Geburten im Jahr nur ein paar wenige Fälle, die Zahl liegt im einstelligen Bereich. Niemand kann das beeinflussen, es ist eine Laune der Natur. So etwas wird leicht im Ultraschall übersehen, man braucht Expertise und muss wirklich genau hinschauen.“ Prof. Schild und sein Team haben diese Expertise, weswegen Andrea auch in guten Händen ist, als die nächsten Komplikationen auftreten. Wieder hat sie vorzeitige Wehen. „Ich bin offensichtlich nicht geboren für unkomplizierte Schwangerschaften, das ist nicht so meine Paradedisziplin“, lacht Andrea heute ein Jahr später und erzählt: „Ich bin ja nun leider auch vom Fach und konnte mir ziemlich gut anatomisch herleiten, was das so bedeutet. Das war natürlich nicht schön. Die Momente, in denen die Komplikationen auftraten, waren eigentlich Momente, in denen es mir gut ging und ich nicht damit gerechnet hätte. Ich habe mich damals versucht – so gut es eben mit einem Kind von drei Jahren ging – zu schonen. Aber ich konnte auch nichts machen. Es war immer die Angst da, dass was passieren kann.“

Advent, Advent…

Am 1. Advent schließlich wird sie das dritte Mal bei uns mit Blutungskomplikationen aufgenommen und Schild entscheidet, sie nicht mehr zu entlassen. Warum? „Das Problem ist, man weiß bei Blutungen nicht, woher sie kommen, ob von der Mutter oder vom Kind. Erst, wenn man ein rosiges Kind bei der Geburt sieht, weiß man, dass die Blutungen nicht vom Kind kamen. Man wartet bei so einer Diagnose nicht bis zum errechneten Geburtstermin, sondern holt das Kind spätestens in der 35. Schwangerschaftswoche“, erklärt Schild. Doch soweit kommt es bei Andrea nicht. Die gesamte Adventszeit verbringt die Ärztin bei uns. Jeder Tag, den Carla im Bauch ihrer Mama verbringt, ist ein gewonnener Tag, denn die Faustregel besagt: Jeder Tag bis zur 28. Woche bringt ungefähr einen IQ-Punkt mehr in der geistigen Entwicklung des Kindes.

Klöße, Gänsebraten und Christkind Carla

Es ist der 24. Dezember, Andrea befindet sich inzwischen in der 32. Schwangerschaftswoche. Am Nachmittag kommt ihr Mann zu Besuch, die beiden gehen eine Runde spazieren, sogar Weihnachtsessen hat er ihr mitgebracht: Klöße und Gänsebraten. Am Abend bekommt die damals 35-Jährige wieder Blutungen, nach einer kurzen Untersuchung im Kreißsaal geht es zunächst noch einmal zurück aufs Zimmer. „Aber ich hatte schon ein komisches Gefühl und habe meinem Mann geschrieben, dass er vorbereitet sein soll.“ Und ihr Bauchgefühl trügt sie nicht. Die Blutungen werden heftiger: Die Nebenplazenta hat sich gelöst. Alle im Kreißsaal stehen bereit. „Bei der Diagnose muss man handeln und das Kind holen, da gibt es keine andere Möglichkeit“, sagt Prof. Schild. Die werdende Mutter bekommt für ihren Kaiserschnitt eine Spinalanästhesie, also eine rückenmarksnahe Betäubung, keine Vollnarkose. „Es ging alles total schnell. Mein Mann hat es nicht mal mehr rechtzeitig geschafft. Ich bin auf den Tisch gekommen, die Decke wurde hochgezogen und dann war Carla ganz schnell draußen.“
Die Kleine ist von Beginn an stabil, es besteht keine Lebensgefahr. Die erste Woche bleibt sie im Perinatalzentrum im Henriettenstift, bevor sie nach gut einer Woche ins Kinderkrankenhaus AUF DER BULT verlegt wird. Mama Andrea, die noch vor Silvester entlassen wird, erinnert sich noch gut: „Es war schon komisch, ohne Carla nach Hause zu gehen, aber in dem Moment funktioniert man einfach. Man hat vorher schon funktioniert und zu Hause hat man dann auch wenig Zeit, sich hinzusetzen und traurig zu sein, dass das Kind nicht bei einem ist.“

Ein kleiner Wermutstropfen

Carla wird mit der Geburt an Heiligabend das kleine Christkind der Familie bleiben, auch wenn Mama Andrea das nicht ganz so schön findet: „Mit der Geburt an Heiligabend habe ich mich bis heute nicht angefreundet, weil ich es für Carla nicht schön finde (lacht). Wir machen dieses Jahr vormittags einen Mini-Brunch anlässlich ihres Geburtstages. Sie wurde am 22. Mai dieses Jahres getauft und das soll später, wenn sie älter ist und Kindergeburtstage feiert, auch ihr zweiter Tag im Jahr sein, an dem sie im Mittelpunkt steht. Das geht an Heiligabend etwas unter. Das ist im Nachhinein – nicht medizinisch gesehen – der größte Wermutstropfen.“

Aus psychomotorischer Sicht holen Kinder, die in der 32. Schwangerschaftswoche geboren werden, ihre anfänglichen Defizite schnell wieder auf. Noch vor ihrem ersten Geburtstag, also dem diesjährigen Heiligabend, fängt Carla an zu krabbeln und einen Tag später steht sie sogar das erste Mal auf eigenen Beinen. „Sie ist noch immer etwas kleiner und zarter, das kann aber auch an meinen Genen liegen“, lacht Andrea und ergänzt: „Vielleicht setzen sich die Gene von meinem Mann noch durch, der ist nämlich deutlich größer als ich. Essen tut sie auf jeden Fall schon wie eine Große“, lacht die glückliche Mutter und Schild ergänzt schmunzelnd: „Stimmt, sie hat gerade in einer halben Stunde ein ganzes Brötchen verdrückt.“

 
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