Krebs lässt sich nicht aufschieben

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Krebsdiagnose - was nun? Dr. Lev Dubovoy empfiehlt, Untersuchungen oder Operationen nicht aufzuschieben. Foto: Antonia Eller

Täglich sterben in Deutschland über 600 Menschen an Krebs. Die Krankheit ist noch immer die zweithäufigste Todesursache deutschlandweit. Dennoch gehen in vielen Krankenhäusern aktuell die Krebsbehandlungen zurück — Patienten haben Angst, sich in den Einrichtungen mit COVID-19 anzustecken oder aufgrund von belegten Intensivbetten nicht behandelt zu werden.

Im Friederikenstift der DIAKOVERE ist das glücklicherweise nicht der Fall. Bis zu zwölf Krebsoperationen führt Doktor Lev Dubovoy pro Woche durch, darunter sowohl kleine als auch größere Eingriffe. Er ist Facharzt für Viszeralchirurgie und spezielle Viszeralchirurgie, sein Fachgebiet sind also die Bauchorgane. Erst letzte Woche hat er einer 86-jährigen Patientin den Krebs im Dickdarm entfernt, kurz darauf einem 77-Jährigen aus der Bauchspeicheldrüse. Bei beiden konnte der Krebs vollständig entfernt werden, beide sind geheilt.

Diese Beispiele zeigen, wie wichtig die rechtzeitige Behandlung von Krebs ist. Auch und gerade besonders zu Zeiten von Corona. Ja, Krebspatienten sind Risikopatienten hinsichtlich COVID-19, denn sie haben ein geschwächtes Immunsystem: durch den Tumor selbst, eine krebsbedingte Mangelernährung, eine Chemo- oder Strahlentherapie oder Nebenerkrankungen. Aber ein erhöhtes Risiko, sich mit dem Virus anzustecken, besteht für sie nicht. Doktor Lev Dubovoy spricht im Interview über die unveränderte Behandlung von Krebspatienten in seinem Hause und warum keinesfalls bei der Behandlung gezögert werden sollte.

 



Herr Doktor Dubovoy, wie erfolgt die medizinische Versorgung von Krebspatienten während COVID-19 im Friederikenstift und gibt es Unterschiede zu der Zeit vor der Pandemie?
Mit der Vorsorge und Nachsorge von Patienten haben wir Chirurgen weniger zu tun. Darum kümmern sich Hausärzte, Fachärzte und Onkologen. Wenn die Patienten zu uns kommen, haben sie schon eine gestellte Krebsdiagnose.

Das bedeutet, wir kümmern uns vor allem um die Vorbereitung der Behandlung und die Behandlung selbst, im Sinne einer Operation. Das Vorgehen unterscheidet sich jedoch nicht zu der Zeit vor Corona, denn wir haben gewisse Standards bezüglich Diagnostik und Behandlung. Und diese sind gleich geblieben. Dazu zählen auch alle Untersuchungen oder Tumorkonferenzen, das sind Meetings verschiedener behandelnder Ärzte zur Absprache des weiteren Vorgehens in der Patientenbehandlung.

Abgesehen von der medizinischen Versorgung: Gibt es Unterschiede im allgemeinen Klinikalltag, sowohl für Krebspatienten als auch für Mitarbeiter?
Hinsichtlich des Personals müssen wir innovativ bleiben. Denn natürlich gibt es  — wie überall — auch Situationen, dass Mitarbeiter erkranken oder in Quarantäne müssen. Daher müssen wir manchmal unsere Kapazitäten anders organisieren. Aber Krebspatienten gehen immer vor, sie sind am wenigsten von spontanen Änderungen betroffen. Wir versuchen alles so zu organisieren, dass selbst beim Umdisponieren alle Behandlungen bestehen bleiben.
Im Klinikalltag ist für uns Angestellte, aber auch für die Patienten der Organisationsaufwand etwas gestiegen, dafür sorgt er aber für mehr Sicherheit. Alle Patienten, also auch Krebspatienten, egal ob sie zur Sprechstunde zu uns kommen oder stationär aufgenommen werden, werden vorher auf COVID-19 getestet. So verhindern wir, dass Corona überhaupt zu uns ins Haus kommt. Bisher hatten wir noch nie einen positiv getesteten Krebspatienten im Friederikenstift. Das liegt vermutlich auch daran, dass Patienten, die wissentlich Krebs haben, deutlich vorsichtiger sind als andere Patienten und Hygienemaßnahmen wesentlich besser einhalten.
Desweiteren haben wir — bis auf wenige Ausnahmen — aktuell ein Besuchsverbot. Patienten leiden natürlich darunter, ihre Angehörigen nicht zu sehen. Sie bekommen dafür viel mehr Anrufe auf ihr Zimmer als früher. Wegen des Besuchsverbotes bevorzugen viele Patienten aktuell Zwei- oder Dreibettzimmer, um wenigstens Kontakt zu anderen Patienten zu haben und sich unterhalten zu können.
Und es gibt noch eine große Veränderung: Wir Ärzte kommunizieren durch das Besuchsverbot viel mehr als vorher. Wir haben zwar schon immer nach einer großen Operation Angehörige, Hausärzte oder Fachärzte angerufen und informiert, aber jetzt in dieser Corona-Zeit ist es viel mehr und ausführlicher geworden. Das ist ein deutlich höherer Zeitaufwand und für viele ist es vielleicht auch ungewöhnlich, dass ein Chirurg nicht nur operiert, sondern auch spricht (lacht). Aber das machen wir sogar gerne. Denn wir verstehen, dass besonders in dieser Zeit, in der man keinen direkten Kontakt mit Patienten haben kann, diese Informationen unheimlich wichtig sind. Alle meine Kollegen sind wirklich hilfsbereit, wenn Angehörige anrufen.

Gibt es auch veränderte interne Abläufe, die der Patient so vielleicht gar nicht mitbekommt?
Ja, wir achten in Umkleiden oder Besprechungsräumen streng darauf, wie viele Personen sich darin aufhalten dürfen. Kollegen, die aufgrund der begrenzten Personenanzahl nicht anwesend sein können, müssen danach informiert werden. Viele interne Fortbildungen oder Besprechungen finden online statt. Das bekommt der Patient gar nicht mit.

Auch die Visite haben wir leicht umstrukturieren müssen. Statt in einer großen Gruppe gehen wir jetzt in kleineren Gruppen zu den Patienten, mit dabei ist aber immer ein erfahrener Arzt und eine Krankenschwester. Das hat eigentlich nur Vorteile für den Patienten, denn durch die geteilten Gruppen haben wir mehr Zeit für den Einzelnen.

Gefährden notfallmäßig aufgenommene Patienten das Wohl anderer negativ getesteter Patienten im Hause?
Jeder Patient, der in die Notaufnahme eingeliefert wird, bekommt sofort einen Schnelltest. Wenn wir zudem aufgrund entsprechender Symptome noch den Verdacht haben, dass dieser an  COVID-19 erkrankt sein könnte, wird der Patient so lange isoliert, bis ein zusätzliches negatives PCR-Ergebnis vorliegt. Der Patient wird also in ein Einzelzimmer verlegt, darf das Zimmer nicht verlassen und wir Mitarbeiter müssen spezielle Schutzkleidung tragen. Aber PCR-Testergebnisse bekommen wir in der Regel sehr schnell.

Wie wahrscheinlich ist es überhaupt, dass ich mich bei einem Aufenthalt in Ihrem Hause mit COVID-19 anstecke?
Wir Mitarbeiter werden jede Woche getestet und befinden uns im Impfprozess. Zudem wird jeder Patient bei der Aufnahme getestet. Außerdem schauen wir hier, dass alle Hygieneregeln mit Sicherheit eingehalten werden. Das bedeutet: Patienten und Mitarbeiter tragen alle Masken, wir schütteln keine Hände und halten Abstand. Das haben Sie im Supermarkt oft nicht. Damit ist die Wahrscheinlichkeit, sich in einem Supermarkt oder der Straßenbahn anzustecken, definitiv höher als hier bei uns im Krankenhaus.

Man hört immer wieder davon, dass auf den Intensivstationen Betten für COVID-19-Patienten freigehalten werden. Ist das bei Ihnen auch so und beeinträchtigt das die Versorgung von Krebspatienten?

Nicht jeder Krebspatient muss nach einer Operation auf die Intensivstation oder in ein Überwachsungsbett, das hängt von dem OP-Verlauf selbst und dem Zustand des Patienten ab. Wir operieren prinzipiell nur, wenn wir alle Voraussetzungen für seine OP erfüllen können. Das können spezielle Instrumente während der OP oder eben auch ein anschließendes Intensiv- oder Überwachungsbett sein. Können wir das nicht bieten, muss eine Operation eventuell verschoben werden. Aber solche Situationen hatten wir auch vor COVID-19, das hat also mit dem Virus nichts zu tun.

Es gibt verschiedene Gründe, warum Intensivbetten schon belegt sind. Das Friederikenstift ist ein großes Zentrum für Schwerverletzte. Operationen von Krebspatienten sind immer geplante Eingriffe: Der Patient wird ein bis zwei Tage vorher aufgenommen, vorbereitet und dann operiert. Werden nun aber in der Nacht vor der Operation mehrere schwerverletzte Patienten aufgenommen, sind die Intensivbetten dadurch belegt und die OP des Krebspatienten muss verschoben werden. Das ist ein Nadelöhr, ein Engpass, der auftreten kann.
Wir sind auch alle nur Menschen. Es kann gut sein, dass auf der Intensivstation ein Arzt oder eine Krankenschwester krank geworden sind. Dann können die Intensivbetten nicht betreut werden. In solchen Situationen versuchen wir immer eine Alternative zu finden. Man muss aus zwei schlechten Möglichkeiten eine bessere finden, auch wenn das dem Patienten vielleicht nicht gefällt. Wir können also die Operation absagen, oder wir operieren den Patienten und verlegen ihn dann für die postoperative Behandlung in das Henriettenstift oder umgekehrt. Die Allgemeine und Viszeralchirurgie der DIAKOVERE befindet sich sowohl im Friederikenstift als auch im Henriettenstift. Wir können die gleichen Operationen an beiden Standorten durchführen. Die Behandlung und der Standard sind gleich. Es ist umständlich, aber es ist bei Krebspatienten immer besser, als eine Operation ganz zu verschieben.
Bei Darmoperationen bekommen die Patienten bestimmte, nicht ganz angenehme OP-Vorbereitungen. Wenn wir dann die Operation nicht durchführen können, war diese Vorbereitung umsonst und wir müssen beim nächsten Mal von vorne beginnen.

Prinzipiell sind solche Engpässe wellenförmig. Und dabei geht es nicht nur um Betten, sondern besonders auch um das Pflegepersonal. Manchmal müssen daher Patienten für die Intensivbetreuung zu uns in das Friederikenstift verlegt werden, da es hier weniger Engpässe gibt.

Spüren Sie, dass Patienten aus Angst vor einer Ansteckung mit COVID-19 nicht zu ihrer Krebsbehandlung in den Friederikenstift kommen?

Es gab eine kurze Phase im Frühjahr 2020, da sind etwas weniger Patienten gekommen. Einerseits aus Angst, sich anzustecken, aber auch aus Unwissenheit, dass angeblich wegen COVID-19 keine geplanten Operationen mehr stattfinden. Jetzt ist das nicht mehr so: Wir haben volle Sprechstunden, auch mit Patienten, die nicht an Krebs erkrankt sind, und auch der OP-Betrieb läuft völlig normal.

Was würden Sie Krebspatienten raten, die dennoch Angst haben, sich im Krankenhaus mit COVID-19 bei Ihnen anzustecken?

Ich würde auf keinen Fall empfehlen, Untersuchungen oder Operationen aufzuschieben. Besonders Vorsorgeuntersuchungen, wie Koloskopien oder Mammographien, sollten nicht aufgeschoben werden. Wir wissen nicht, wie lange die Pandemie noch andauert, vermutlich wird es von nun an zu unserem Alltag gehören. Es geht also nicht um Tage oder Wochen, sondern mindestens um Monate. Und in diesen Monaten entwickelt sich der Krebs natürlich weiter. Das rate ich aber auch Patienten ohne Krebs: Mit Beschwerden sollte man zum Arzt gehen. Je länger man wartet, umso schwieriger kann die Behandlung werden.

 

 

 

 
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